Lymphdrainage, oder die komplexe physikalische Entstauungstherapie

 

“Eine unterschätzte Flüssigkeit?!”

 

Wussten Sie, dass das Lymphgefäßsystem eines durchschnittlich gebauten Mannes von ca. 70 kg 15-16 Liter Lymphflüssigkeit beinhalten kann?

 

Wussten Sie, dass ohne das Lymphgefäßsystem eine Versorgung unserer Zellen, eine Entgiftung oder die Informationsweiterleitung nicht möglich wäre?

 

Das Lymphgefäßsystem:

Das Lymphgefäßsystem besteht im Speziellen aus den Lymphgefäßen, den Lymphknoten und der Lymphflüssigkeit.  

Die Lymphgefäße unterscheiden sich in ihrem Aufbau und dementsprechend auch in ihrer jeweiligen Funktion.  

Die kleinste Form der Lymphgefäße sind die Lymphkapillaren, sie sind für die Lymphbildung zuständig. Die nächst größeren Gefäße (Präkollektoren und Kollektoren) dienen dem Lymphtransport, sie haben zwischengeschaltete “Mini-Herzen”

(Lymphangione), welche  sich autonom ca. 10 mal in der Minute zusammenziehen und die Lymphe so vorwärts bewegen. 

Die größte Einheit stellen die Lymphstämme dar. Sie münden herznah in den venösen Blutkreislauf.  

All diese Gefäßuntergruppen sind in der genannten Reihenfolge geschaltet und funktionieren als Einheit.

 

Jede Zelle unseres Körpers ist von einer wässrigen Flüssigkeit, der Grundsubstanz, umgeben. In dieser Flüssigkeit findet der Austausch und der Transport (Stoffwechsel) von verschiedensten Molekülen statt. Durch die Lymphe werden unsere Zellen ernährt, und gesäubert. Beispielsweise können große Moleküle (lymphpflichtige Last), wie z.B. Eiweiß- und Fettmoleküle, abgestorbene Zellen, Bakterien, Viren und ggf. auch Tumorzellen, aufgrund ihrer Größe nur von unserem Lymphgefäßsytem abtransportiert werden, aber es werden auch lebenswichtige Informationen ausgetauscht. Sogar Farbpigmente von Tätowierungen werden von unserem Lymphgefäßsystem abtransportiert und verfärben unsere zwischengeschalteten Lymphknoten dementsprechend.

 

Die Lymphknoten unterstützen unser Immunsystem bei der Bekämpfung von Fremdstoffen, wie zum Beispiel  Bakterien. 

 

Tierversuche haben ergeben, dass Säugetiere ohne das Lymphgefäßsystem überhaupt nicht überlebensfähig wären!

 

Alles beginnt mit dem Herzen: 

Unser Körper verfügt über ein Hochdruck- (Arterien) und ein Niederdrucksystem (Venen). Über das Hochdrucksystem verteilt das Herz, durch seine muskuläre Pumpleistung, das sauerstoff- und nährstoffreiche Blut im gesamten Organismus. Durch das Venensystem wird das „verbrauchte“ Blut wieder zum Herzen zurückgeführt und dann beginnt der Kreislauf von vorne. 

 

 

Aber was passiert zwischen Arterien und Venen?

Über kleine Arterien, den so genannten Arteriolen, wird das Blut mitsamt seiner Nährstoffe in den Zellzwischenraum (Interstitium) gepresst. Von hier aus fließt es durch die Grundsubstanz (Matrix) zu den Stellen, an welchen es gebraucht wird. In der Grundsubstanz und an den „Verbrauchern“ (Zellen) findet der Austausch, oder Verbrauch statt. Von dort fließt das nährstoffarme Blut zurück zu den kleinsten Venen (Venolen) und durch das Venensystem zurück zum rechten Venenwinkel am Herzen und der Blutkreislauf ist geschlossen, bzw. beginnt nun von Neuem. 

 

Warum brauchen wir dann das Lymphsystem?

Im Interstitialraum (Zellzwischenraum oder Bindegewebe) beginnt die Notwendigkeit des Lymphsystems, denn es transportiert die Stoffe und Moleküle ab, die für den Abtransport über das Blutgefäßsystem zu groß sind. 

Und es besteht ein Ungleichgewicht zwischen der Abgabe des arteriellen Blutes durch die Arterien und der Aufnahme, des „verbrauchten“, venösen Blutes, durch die Venen. Die Venen können weniger Flüssigkeit aufnehmen als die Arterien abgeben, zum einen aufgrund der unterschiedlichen Druckverhältnisse in den Gefäßen (arterielle Gefäße - venöse Gefäße) selbst, aber auch durch die Schwerkraft (Gravitation), welche das Blut vor allem in die Beine sinken lässt.

 

Im Zellzwischenraum befindet sich, neben den Arterien und den Venen (Blutgefäßsystem), auch das Lymphgefäßsystem, welches schlussendlich, über die oben bereits erwähnten Lymphstämme, für die Rückführung der Flüssigkeit in Richtung des rechten Herzens sorgt. In erster Instanz muss aber die Lymphe überhaupt erst gebildet werden. 

Dies geschieht einerseits automatisch über das regelmäßige Öffnen der Klappen an den Endothelzellen im Zwischenzellraum und dann durch das Einströmen der lymphpflichtigen Last (Eiweiß, Fett, Bakterien usw.) in die Lymphkapillaren, andererseits durch die manuelle Lymphdrainage, durchgeführt durch uns, die KPE-Therapeuten. 

Diese Lymphlast hat jeder auch noch so gesunde Körper zu bewältigen!

 

Man neigt zu sagen, dass das Lymphgefäßsystem nur ein Unterstützer des Venensystems ist, aber weit gefehlt!

 

Wasser aus dem Gewebe landet in den Lymphbahnen und dann?

Nachdem die Flüssigkeit aus dem Gewebe „drainiert“ wurde, fließt die Lymphe durch einen automatischen Unterdruck, welcher durch die manuelle Lymphdrainage beeinflussbar ist, Richtung Herz. 

Doch zwischen dem rechten Venenwinkel und Zellzwischenraum muss die Lymphe noch eine lange Strecke zurücklegen und passiert an verschiedenen Stellen im Körper Lymphknoten. 

 

Die bekanntesten Lymphknoten befinden sich in der Halsregion, man kann sie tasten wenn man eine Erkältung hat, in der Leistenbeuge und in der Achselhöhle, aber wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch zwischen 600-700 Lymphknoten besitzt existieren natürlich auch noch weitere Stellen, an welchen sich Lymphknoten befinden. 

Lymphknoten sind zum einen Sammelstellen, aber auch ganz wichtige Filteranlagen um die Lymphe zu säubern und somit unser Immunsystem zu unterstützen.

 

Scheint doch alles perfekt zu funktionieren, warum dann Behandlung?

Erst wenn dieses nahezu perfekt funktionierende System nicht richtig funktioniert merken wir, dass etwas nicht stimmt, es treten Probleme auf, im Normalfall Schwellungen/Ödeme.

 

Vielleicht hatten Sie bereits eine Verletzung, sind umgeknickt, oder Sie sind gar operiert worden? Durch die Schwellung signalisiert der Körper ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Abtransport. 

 

Was sind die Ursachen der Schwellungen / Ödeme?

Es gibt leider sehr viele Ursachen. 

 

Am häufigsten hat man mit Schwellungen zu tun, wenn ein höheres Angebot als eine Nachfrage besteht, bzw. es in Teilen des Körpers zu einem Rückstau kommt. Das kennt man zum Einen bei Patienten mit einer chronischen Rechtsherzschwäche oder bei Krampfadern in den Beinen. 

Im ersten Fall ist das Herz zu schwach um die ankommende Blutmenge weiter zu pumpen und es staut sich zurück in den Bauchraum und in die Beine, und im zweiten Fall sind die Venen zu schwach und dehnen sich immer weiter aus. Das Blut versackt in den Beinvenen und die Gefahr für Blutgerinnsel steigt erheblich. 

In jedem Fall sollten Schwellungen ärztlich abgeklärt werden. 

Vor allem internistische Ursachen (Herz/Niere...) bedürfen der dringenden Abklärung, und nicht immer ist dann eine KPE medizinisch indiziert, eine medikamentöse Therapie kann dann eher das Mittel der Wahl sein. 

 

Eine weitere häufige Ursache für Schwellungen ist die Entzündungsreaktion, welche immer einhergeht mit einer verstärkten Durchblutung des betroffenen Gebietes und einer daraus resultierenden Überwärmung und Schwellung. Der Druck im Blutgefäß ist höher als der Druck im Gewebe, Flüssigkeit wird ins Gewebe gepresst und eine Schwellung entsteht. Eine Entzündungsreaktion entsteht auch immer nach Operationen jeglicher Art. 

 

Es treten auch Probleme auf, wenn mehr Flüssigkeit, als normal, durch die Kapillarwände hindurch gedrückt wird, man spricht hier von einer erhöhten Blutkapillarpermeabilität. Diese erhöhte Durchlässigkeit kommt zustande, wenn im Gewebe Stoffe, wie zB. der Entzündungsmediator Histamin freigesetzt werden, man kennt dieses Phänomen von allergischen Reaktionen (z.B. bei Insektenstichen…). 

 

Auch die Zusammensetzung des Blutes ist ausschlaggebend für Schwellungen. Wenn z.B. durch Mangelernährung, aber auch durch Fehlfunktionen im Organsystem, ein verminderter Eiweißspiegel im Blut vorliegt, kann es zu Schwellungen kommen. Eiweiß erhöht bekanntermaßen die Flüssigkeitsaufnahme, in diesem Fall die Resorption von Flüssigkeit. Sollte also die Eiweißkonzentration im Blut zu gering sein, ist demnach auch die Resorption zu gering und es entstehen enorme Schwellungen, wie man sie zB. bei abgemagerten Kindern in Afrika oder andernorts sieht. 

 

Nicht zu vernachlässigen sind allerdings auch die genetischen und mechanischen Ursachen, denn man kann mit einem fehlerhaften Lymphgefäßsystem geboren werden, oder das System abdrücken und verletzen. Dies geschieht dann zB. durch zirkuläre Narben, wie man sie früher von Meniskusoperationen kannte oder bei schweren Verbrennungen. 

Gewisse Verletzungen sind allerdings aufgrund von nötigen Operationen nicht zu vermeiden. Hier muss die Haut, also auch einige Lymphbahnen, durchtrennt werden. Bei Krebserkrankungen werden befallene Lymphknoten entfernt und somit kann auch hier die Funktion eingeschränkt sein. 

 

Aber auch das lange, unbewegte Sitzen oder Stehen schränkt die Funktion des Lymphgefäßsystems ein und wir klagen z.B. bei einem Langstreckenflug oder nach einem langen unbewegten Arbeitstag über geschwollene Beine und Füße.

 

Wie läuft eine Behandlung/komplexe physikalische Entstauungstherapie ab?

Die KPE besteht aus drei Säulen; der Lymphdrainage, der Kompressionsbandagierung und der Bewegungstherapie. 

Vor der eigentlichen Lymphdrainage muss eine Vorbehandlung der gesunden Gebiete erfolgen, der “Abfluss”, d.h. die Venenwinkel in der Nähe der Schlüsselbeine, werden angeregt, um eine Art Sog zu erzeugen. Die Venenwinkel münden in das Blutgefäßsystem und dort muss die Lymphe schlussendlich hin gelangen. 

Während der anschließenden Lymphdrainage werden die geschwollenen Bereiche durch sanfte, kreisende Hautverschiebungen entstaut und eventuell eingelagertes Eiweiß, welches die Schwellung mit der Zeit immer weiter verfestigt, gelockert bzw. “aufgebrochen”. 

Dazu verschiebt der Therapeut die Haut in regelmäßigen, langsamen Bewegungen und öffnet dadurch die Lymphgefäßklappen. Diese Klappen sind über dünne Fasern befestigt, die per Hautverschiebung unter Spannung gesetzt werden können. 

Der Therapeut arbeitet sich so in einer bestimmten Abfolge mit verschiedenen Grifftechniken zum betroffenen Gebiet vor.

Anschließend und zwischendurch muss auch der Rückweg immer wieder komplett nachgearbeitet werden, um einen konstanten Abtransport gewährleisten zu können. 

 

Nach der Lymphdrainage besteht die Möglichkeit die betroffenen Bereiche zu Bandagieren, hierzu werden in der Regel gepolsterte, elastische Binden verwendet, welche das Resultat verstärken und beibehalten sollen. 

In unserer Praxis haben wir gute Erfahrungen mit Kinesiotape gemacht und in einigen Fällen kann man die Bandagierung durch Lymphtape ersetzen. 

 

Der dritte Teil der komplexen physikalischen Entstauungstherapie besteht aus einer  gezielten Bewegungstherapie, welche sie aktivieren und das Lymphgefäßsystem zur Arbeit antreiben soll. Es werden Ihnen natürlich auch Verhaltensregeln, Tipps für das alltägliche Leben und Selbsthilfetechniken beigebracht um das Lymphgefäßsystem für Sie optimal funktionieren zu lassen. 

 

Für weitere Fragen stehen Ihnen unsere erfahrenen Therapeuten mit Rat und Tat zur Seite, sprechen Sie uns an. 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

 

Franziska Tietze & Falko Werner

 

Physiopraxis Werner